Das Vermächtnis der Isadora
Trotz des überraschenden Tods der Münchner Duncan-Tanzschulenleiterin Hannelore Schick 2008 lebt in München der Duncan-Tanz weiter
In München fand sie das Publikum, das sie im puritanischen Amerika vermisst hatte: Als Isadora Duncan 1902 erstmals in Deutschland im Künstlerhaus ihren „Tanz der Zukunft“ darbot - korsettlos, barfuß und nur von einem weißen kurzen Seidengewand bedeckt – war „die Duncan“ die Schau des Tages und Provokation zugleich. Die Münchner waren fasziniert von der dunkelhaarigen, zartgliedrigen Tänzerin ohne Schuhe, Frauen fielen bei ihrem Anblick angeblich augenblicklich in Ohnmacht.
Friedrich August von Kaulbach hielt ihre beschwingten Tanzposen in lockeren Kreidezeichnungen fest. Und nicht nur er war begeistert: „Die Duncan“, die Begründerin des modernen Tanzes, war das „Must-See“ der Jahrhundertwende. Ihre Tänze waren einfach, aber anmutig und entrückt zugleich. Den Zwängen des klassischen Balletts, deren „sterile unnatürliche Bewegungen“ sie ablehnte, wollte sie sich nicht mehr unterordnen. Ihr Vorbild waren die Figuren aus der griechischen Mythologie, deren anmutige und leichte Bewegungen sie auf Abbildungen eingehend studiert hatte.
Noch heute ist ihre Aura in München zu spüren – am Ostbahnhof, in der Belfortstraße 5, gibt es die „Duncan-Stammschule“, die die Ideen und Prinzipien der großen Isadora auch nach 100 Jahren weiter verfolgt.
Hier lernen Duncan-begeisterte Frauen – seit 22 Jahren übrigens auch ein Mann - das vor hundert Jahren von Isadora und ihrer Schwester Elisabeth entwickelte „Walzerschweben“, das leichte Hüpfen, das Drehen und Wirbeln mit ausgebreiteten Armen und das freie zügige Gehen in der Gruppe - alles auf melodiegeführte leichte, klassische Musik.
Völlig überraschend ist am Aschermittwoch 2008 Hannelore Schick, die Leiterin der einzigen deutschen Duncan-Schule, 70-jährig, in ihrem Haus in Greifenberg am Ammersee gestorben. Sie war eine der glühendsten Anhängerinnen Isadoras. Gelernt hatte sie den Duncan-Tanz bei Gertrud Drück, Schülerin von Isadoras Schwester Elisabeth.
„Duncan ist ein ganzes Weltbild, ein ganzer Kosmos,“ schwärmte Schick. Fast ein halbes Jahrhundert „lebte“ sie den Duncan-Tanz, tanzte auch noch mit weit über 60 bei den Übungen mit: „Duncan war für mich wie eine Offenbarung - hier wird nicht korrigiert, jeder kann seine Bewegungen aus dem Inneren heraus spüren und individuell ausleben.“
Die Freiheit des Körpers und des Geistes, eins mit der Musik – das war es auch, nach dem die große Isadora ihr Leben lang suchte. Ihre Tänze waren eine Offenbarung, schon früh wurde sie zur Ikone erhoben. Doch obwohl sie so erfolgreich in ihrer Kunst war, hatte sie privat mit zahlreichen Schicksalsschlägen zu kämpfen: Ihr Vater kam bei einem Schiffsuntergang ums Leben, 1913 ertranken ihre beiden erst drei und sieben Jahre alten Kinder in einem führerlos gewordenen Auto in der Seine, ihr drittes Kind starb kurz nach der Geburt und ihr junger russischer Ehemann beging Selbstmord. Auch ihr Tod war wie ihr Leben: theatralisch und tragisch zugleich. 1927 in Nizza verhedderte sich ihr langer roter Seidenschal beim Anfahren in den Speichen ihres Bugatti. Mit 50 Jahren starb die große Isadora, stranguliert von ihrem eigenen Schal.
Trotz des unerwarteten Tods der Duncan-Tanzschulen-Leiterin wird es in der deutschlandweit einzigartigen und bis nach Amerika bekannten Münchner Tanzschule dennoch weitergehen: Astrid Schleusener, eine ihrer langjährigen Schülerinnen, führt den Unterricht weiter. Hannelore Schick hat durch notariellen Erbvertrag eine „Duncan Tanz Stiftung zur Erhaltung der Elizabeth Duncan Schule“ errichtet. Diese wird treuhänderisch von der SK Stiftung Kultur der Sparkasse KölnBonn verwaltet.


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